WASHINGTON (ISIS), 21. Oktober 2026. Das US-Außenministerium warnt amerikanische Staatsbürger öffentlich vor Gewaltkriminalität in Teilen Lateinamerikas. Interne Einschätzungen für die Bearbeitung von Asylanträgen zeichnen jedoch teilweise ein anderes Bild der Sicherheitslage in denselben Ländern. Das geht aus internen Dokumenten hervor, die CNN ausgewertet hat. Auch ISIS liegen die Dokumente vor.
Die Unterlagen beziehen sich auf Mexiko, Honduras, Guatemala und El Salvador. Darin werden die Gewaltkriminalitätsraten in verschiedenen Regionen und Städten dieser Länder mit denen amerikanischer Städte wie Baltimore, Houston und Memphis verglichen. In mehreren Fällen kommen die Bewertungen zu dem Schluss, dass die Kriminalitätsbelastung niedriger sei als in bestimmten US-Städten.
Die Dokumente wurden an die US-Einwanderungsbehörde USCIS weitergegeben, die dem Heimatschutzministerium untersteht und unter anderem Asylanträge bearbeitet. Sie sollen den zuständigen Mitarbeitern bei der Beurteilung der Verhältnisse in den Herkunftsländern von Antragstellern als Hintergrundinformation dienen.
Auswirkungen auf Asylentscheidungen möglich
Die internen Bewertungen stehen im Zusammenhang mit den Bemühungen der Trump-Regierung, die Kriterien für die Prüfung von Asylanträgen neu auszurichten und den Kreis der Personen einzuschränken, die in den Vereinigten Staaten Schutz erhalten können.
Asylsuchende müssen grundsätzlich begründen, weshalb sie wegen einer begründeten Furcht vor Verfolgung nicht in ihr Herkunftsland zurückkehren können oder wollen. Bei der Prüfung berücksichtigen die Behörden unter anderem, ob staatliche Stellen Schutz bieten können und ob eine sichere Niederlassung in einer anderen Region des Herkunftslandes möglich wäre.
Die neuen Einschätzungen könnten diese Bewertungen beeinflussen. Wenn die Sicherheitslage in bestimmten Ländern oder Regionen als weniger gefährlich eingestuft wird als bislang angenommen, kann dies bei der Prüfung einzelner Asylanträge eine Rolle spielen.
Die Dokumente stellen dabei nicht ausschließlich auf Menschenrechtsverletzungen oder Entführungen ab, sondern vergleichen insbesondere die Gewaltkriminalität mit der Situation in den Vereinigten Staaten. In den Unterlagen wird unter anderem argumentiert, dass die Kriminalitätsraten in zahlreichen Gebieten Mexikos und El Salvadors deutlich unter denen großer US-Städte lägen.
Unterschiedliche Einschätzungen zur Sicherheitslage
Das Außenministerium erklärte gegenüber CNN, die Bewertungen seien von Mitarbeitern mit regionaler Fachkenntnis erstellt und zur Überprüfung weitergegeben worden. Die Informationen sollten den zuständigen Behörden und Einwanderungsrichtern als zusätzliche Grundlage für ihre Entscheidungen dienen.
Andrew Selee, Präsident des Migration Policy Institute, äußerte gegenüber CNN Zweifel an der neuen Gewichtung. Frühere Regierungen hätten die tatsächlichen Gefahren in einigen Ländern möglicherweise zu stark vereinfacht dargestellt. Die aktuellen Bewertungen gingen seiner Einschätzung nach jedoch in die entgegengesetzte Richtung zu weit.
Besonders komplex sei die Frage, ob Menschen innerhalb ihres Herkunftslandes tatsächlich Schutz finden könnten. Organisierte kriminelle Gruppen verfügten teilweise über weitreichende Netzwerke. Ein Umzug in eine andere Region garantiere daher nicht in jedem Fall Sicherheit.
Selee verwies zudem auf mögliche Verbindungen zwischen kriminellen Organisationen und staatlichen Sicherheitskräften in Teilen der Region. Solche Umstände könnten die Möglichkeit einschränken, wirksamen Schutz durch die Behörden zu erhalten.
Reisewarnungen bleiben bestehen
Die öffentlichen Reisehinweise des US-Außenministeriums warnen weiterhin vor erheblichen Sicherheitsrisiken in bestimmten Gebieten Lateinamerikas. Für Honduras verweist die Behörde unter anderem auf Gewaltkriminalität und Terrorismus und nennt dabei auch das Departamento Gracias a Dios.
Die internen Dokumente bewerten die Kriminalitätslage in Teilen Honduras dagegen im Vergleich zu bestimmten US-Städten günstiger. Dieser Unterschied verdeutlicht, dass die Unterlagen für Asylentscheidungen und öffentliche Reisewarnungen unterschiedliche Zielgruppen und Bewertungsmaßstäbe haben.
Vertreter der Trump-Regierung haben wiederholt darauf hingewiesen, dass Reisewarnungen für US-Staatsbürger bestimmt seien und nicht unmittelbar die Sicherheitslage der Einwohner des jeweiligen Landes abbildeten. Heimatschutzminister Markwayne Mullin hatte diese Unterscheidung bereits im Juni in einem Interview mit CNN erläutert.
Das Außenministerium verwies darauf, dass seine Länderbewertungen den zuständigen Stellen bei der Einzelfallprüfung helfen sollen. Ob und in welchem Umfang die neuen Einschätzungen zu veränderten Entscheidungen über Asylanträge führen, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Die internen Dokumente zeigen, dass die Bewertung der Sicherheitslage in den Herkunftsländern ein wichtiger Bestandteil der US-Asylpolitik bleibt. Zugleich unterscheiden sich die Einschätzungen je nach Region, zugrunde gelegten Daten und Zweck der jeweiligen Bewertung.
